Fluch oder Segen? Automatische Browser Updates

Update-Screen des Mozilla Firefox

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Veröffentlicht:
Oktober 2012

Ich bin mir sicher – hätten Web-Entwickler ein gemeinsames Sprachrohr nach Außen würde man sie jubeln hören. Warum? Weil die (meisten) Browser-Hersteller mittlerweile eine Auto-Update-Funktion in ihre Software implementiert haben. Was das bedeutet, wo die Vor- und Nachteile von automatisierten Browser Updates liegen und warum nicht nur der Entwickler davon profitiert.

Geschichte im Schnelldurchlauf

Wir befinden uns Mitten in den 90er Jahren. Das Internet wird gerade für die breite Masse durch erste Prepaid- sowie Flatrate-Angebote erschwinglich, die Downstreams schwanken zwischen futuristisch anmaßenden ISDN-Geschwindigkeiten von 64 kbit/s und den nervtötenden Einwählgeräuschen der analogen Modems. Damit  konnte man sich mit ganzen 33kbit/s bis 56kbit/s durch das Internet bewegen. Ich erinnere mich noch, als ich mich das erste Mal ins Internet eingewählt habe, damals noch über die DOS-Konsole von Windows 3.11, mit einem CAPI-Treiber und irgendwelchen Befehlen die den eingebauten ISDN-Controller zur Einwahl brachten… Jahre später schaffte das sogar Boris Becker mit AOL, aber dies ist ein anderes Thema.

Ab dem Moment, wo die Leitung ins Internet im wahrsten Sinne des Wortes gelegt war, stellte sich die Frage, mit welcher Software man das weltweite Netz durchstöbern kann. Die Lösung war auch damals eine spezielles Software, Browser genannt. Die Palette an (komfortabler) Software war nicht so groß wie heute, so musste man sich zwischen dem „Netscape Navigator“, dem „Mosaic Browser“ und dem „Internet Explorer“ entscheiden. Letzterer basierte lange Zeit auf der Mosaic-Software. Zwischen Netscape und Microsoft entfachte der sogenannte Browserkrieg, auf den Jahre später ein weiterer Folgen sollte. Die Rolle vom Netscape Navigator nahm hier der Mozilla Firefox ein – weitere Browser wie Opera, Safari oder der Google Chrome sind heute jedem Internetuser ein Begriff.

Wo ist nun das Problem?

Die HTML-Standards und Reglements werden von der internationalen Kommission W3C festgelegt. Die Problematik besteht darin, das jede Browser-Software die Web-Standards unterschiedlich interpretiert und darstellt. Das heißt, die Web-Entwickler halten sich an die festgelegten HTML- und CSS-Standards, setzen diese ein um die Internetpräsenz nach Wunsch darzustellen. Während die eine Software die standardisierten Begrifflichkeiten und Codes versteht und korrekt auf den Bildschirm bringt, erzeugt die andere Software möglicherweise geringfügige Abweichung in der Darstellung. Diese Abweichungen konnten und können das komplette Design zerschiessen – die Seite wird nicht wie vom Gestalter gewünscht dargestellt. Nun gibt es nicht nur die einzelne Software wie den Internet Explorer, sondern jeder Browser hatte im Laufe der Jahre seine eigenen Versionsnummern erhalten. So erschien 2001 der „Internet Explorer 6“, der in der Web-Entwickler-Szene bis heute als einer der unbeliebtesten Browser tituliert wird. Wenn man den Anspruch hat, das eine Webseite in jeder (älteren) Browser-Version exakt identisch aussehen soll, geht ein großer Teil der Zeit für die Optimierung der Webseite für veraltete Software drauf. Es wäre wünschenswert, wenn man sich mit der Entwicklung der eigentlichen Seite oder Applikation beschäftigen könnte, anstatt ein modernes Produkt auf die Darstellbarkeit von Uralt-Software zu optimieren.

Mittlerweile ist über ein Jahrzehnt vergangen, und die einzelnen Hersteller haben ihre Browser weiterentwickelt und an die Standards angepasst. Zwar funktioniert mit neuen Normen nach wie vor nicht alles 100%ig, und die W3C-Kommission steht immer wieder in der Kritik zu langsam feste Standards zu definieren, aber in der neuesten Browser-Generation kann man von einem zufriedenstellenden Zustand sprechen. Das Problem ist allerdings, das zahlreiche Otto-Normal-Surfer mit den alten Browser-Versionen im Internet unterwegs sind. Derzeit ist der „Internet Explorer 10“ aktuell, und zwischen den einzelnen Versionen sind teilweise sehr große Änderungen vorgenommen worden. Glücklicherweise besagt eine Statistik, das der bereits ansgesprochene „Internet Explorer 6“ in Deutschland seit Juni 2012 eine Nutzerquote von unter 1% erreicht hat. Dies ist ein positives Signal, allerdings hat es seit der Einführung der Software-Version ganze 11 Jahre gedauert bis diese wieder vom Markt verschwunden ist. Die damit verbundene Problematik fängt bei der Sicherheit der verwendeten PCs an und hört bei der Darstellung aktueller und zeitgemäßer Internetseiten auf.

Hilfsmittel: automatisierte Browser Updates

Die Frage die sich stellt lautet, wie man derart alte Software schneller vom Markt drängen kann, sobald neue Versionen verfügbar sind. Die Lösung ist die Einführung von automatischen Software-Updates. Der erste Hersteller, der diese in der Browser-Software implementiert hat, war Google. Bei der hauseigenen Software „Chrome“ wird seit der ersten Version im Hintergrund automatisch abgefragt, ob eine neue Version verfügbar ist. Ist dies der Fall, wird die neue Programmversion automatisch installiert und upgedatet. Mozilla spendierte der Software „Firefox“ ab Version 4 ein vergleichbares Feature, bei dem Betriebssystem Microsoft Windows werden die Browser Updates im Rahmen der regulären Windows Updates miteingespielt. Allerdings mit einem deutlich längeren Entwicklungs-Intervall zwischen den einzelnen Versionen. Ob bei den anderen etablierten Browsern eine vergleichbare Funktion integriert ist, weiß ich nicht 100%ig, aber die Entwicklung geht in diese Richtung.

Der quasi automatisierte (und für viele offenbar auch unbemerkbare) Zugriff auf den eigenen Computer hat zu Diskussionen geführt. In einigen Internet-Magazinen wurde kritisch kommentiert und berichtet. Tenor der Diskussionen und Berichterstattung war, das dem User vor dem PC immer noch selbst die Kompetenz zugesprochen werden sollte, bei Bedarf eine Software-Aktualisierung durchzuführen. Prinzipiell klingt der Einwand berechtigt, allerdings geht es – zumindest bei den sowieso kostenlosen Webbrowsern – nie um die Beschneidung von irgendwelchen Funktionen, oder um Updates der Software, welche eine 100% höhere Leistungsanforderung an den Rechner stellen oder vergleichbares. Im Fokus steht hier das ausbügeln von Sicherheitslecks, als auch die fortlaufende Verbreitung der bereits angesprochenen Web-Standards. Anders sieht das ganze in Firmen und Betrieben aus: hier muss Sorge dafür getragen werden, dass keine Firmen-Interna nach Außen gelangen – über welche Schnittstellen auch immer. Wenn die Administratoren solcher Netzwerke unter dem Deckmantel der Sicherheit die Auto-Update Funktion verhindern kann ich das nachvollziehen. Allerdings sollten sich die Verantwortlichen Gedanken darüber machen, ob es sinnvoll ist, viele Jahre alte Software installiert zu haben, die seinerseits wiederrum ein Sicherheitsrisiko darstellen könnte oder aber auch den Workflow gegenüber aktuellen Versionen eingeschränkt. Aber weitere Gedanken in diese Richtung würden zu weit führen.

Ich sehe hier eine sehr lobenswerte Entwicklung. Programmfehler können – Internetanschluß vorausgesetzt – binnen weniger Stunden weltweit ausgemerzt werden. Die Hersteller und Entwickler können flexibel agieren, da man in Anbetracht der Konkurrenz keine fixen Release-Dates ausgeben muss, wie es zum Teil früher der Fall war, nur um diese zu übertrumpfen oder technologisch etwas vorzulegen was noch nicht ausgereift ist. Heute gibt es eine breite Basis an Interessenten, die Vorab-Releases testen, Fehler melden und somit zum Erfolg der Software beitragen. Das theoretische Risiko, das über eine Auto-Update Funktion eine fehlerhafte Version ausgepielt wird, ist natürlich gegeben, aber ich halte dieses unter den genannten Rahmenbedingungen und den gegenüberstehenden Vorteilen für vertretbar – zumal Fehler auch bei eigenständig installierten Updates eingespielt würden. Ich persönlich wurde von den automatisierten Updates nicht enttäuscht – aber selbstverständlich liegt hier die Verantwortung beim Hersteller darauf zu achten, das alles glatt läuft.

Aber, wenn ich jetzt zurück komme, zum eigentlich Sinn und Zweck eines Browsers: seiner Aufgabe, aktuelle und zeitgemäße Applikationen und Webseiten darzustellen, und ich gleichzeitig die Arbeit und den Aufwand der Programmierer betrachte, kann ich ein derartiges Aktualisierungs-System für stets aktuelle Browser nur befürworten. Nicht zuletzt profitieren natürlich auch die Betreiber von Webseiten davon, wenn die aktuellen Web-Standards unterstützt werden, da eine Menge Zeit und Arbeit für die „backward compatibility“ eingespart werden kann – und somit jubeln zum Schluß nicht nur die Entwickler.