Handgeschriebenes in der digitalen Welt

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Veröffentlicht:
Oktober 2012

Wir schreiben E-Mails, die Steuererklärung wird computergestützt eingegeben, die digitale Banküberweisung ist mit wenigen Klicks ausgefüllt, selbst Urlaubsgrüße werden heute häufig virtuell verschickt. Ist der digitale Text die Zukunft? Was wird aus Bleistift, Kugelschreiber und Füller – stirbt die (analoge) Handschrift aus?

Eins vorweg: in meiner derzeitigen Situation als Student schreibe ich sehr viel Analog. Ein Kugelschreiber für die Hard-Facts, einige persönliche Gedanken werden mit dem Bleistift fest gehalten – und so füllt sich der Blog …äh, pardon… Block um Seite für Seite. Und das, obwohl ich der Fakultät „Digitale Medien“ zugehörig und einer der sogenannten „Digital Natives“ bin. Es gibt Kommilitonen, die ihren Laptop aufklappen und akribisch das (digitale) Script vom Professor mit Notizen versehen – zumindest ein Teil, der andere vertreibt sich die Zeit mit AngryBirds oder ChatRoulette.

Für mich ist das nichts… also weder ChatRoulette, noch die digitale Notiz. Dabei wäre ich beim tippen mindestens so schnell als wenn ich den Stift über das Papier sausen lasse. Aber Korrekturen lassen sich schneller analog bewerkstelligen. Bis ich mit dem Zeiger wieder an der richtigen Stelle bin, den besseren Vermerk niedergeschrieben habe und ein neues Notizfeld an andere Stelle erstellt habe, ist der Professor schon wieder beim nächsten Abschnitt. Allerdings muss ich mir Abzüge in der B-Note eingestehen: schön ist meine Schrift nicht, aber zum Entziffern reicht es noch meist aus. Ansonsten habe ich das Gefühl, das mir analog niedergeschriebene Notizen präsenter im Gedächtnis bleiben. Hier für gibt es sicher irgendeine Wissenschaft, die dieses Phänomen und den Zusammenhang mit dem Gehirn erklären könnte – ich persönlich weiß fachlich nicht viel darüber.

Kürzlich hatte ich ein Grafik-Tablett vorliegen. Ich wollte erste Erfahrungen sammeln, wie sich mit einem derartigen Tablett arbeiten lässt. Neben dem eigentlichen Zweck, dem Zeichnen am Rechner, war auch eine Software dabei, die auf der Oberfläche digital gezeichnete Formen in gedruckte Buchstaben auf dem Monitor umwandelt. Der Stift lässt sich zwar recht flüssig über das Panel ziehen, und die Erkennung der Buchstaben funktionierte soweit zufriedenstellend, aber es war kein angenehmes Schreiben. Dann doch lieber gleich auf den normalen Stift zurückgreifen. Ähnlich wird es sich vermutlich auf einem Tablet-PC verhalten, der es ebenfalls zulassen würde, mit der Hand gezeichnete in digitale Buchstaben umzuwandeln. Eigentlich wäre das die Möglichkeit, die Handschrift ins heutige Zeitalter zu integrieren – aber so recht wohl gefühlt habe ich mich bei dem Test nicht. Ein Vergleich aus dem Alltag? Wenn der Paketdienst ein Päckchen liefert und man der Erhalt der Ware unterzeichen muss unterschreibt man heute digital in das Gerät des Postdienstes. Ebenso habe ich es an der Packstation der Post erlebt. Aber auch dort habe ich jedes Mal das Gefühl dass das Resultat in keinster Weise meiner echten Handschrift ähnelt – es fühl sich seltsam an so seine Unterschrift zu hinterlassen, zumal man den Eindruck hat, das jeder x-beliebige die Unterschrift abgeben könnte. Erkennen tut man darauf meist nicht viel vom eigentlichen Namen.

Aber abseits des Hörsaals muss ich schon überlegen wo ich handschriftlich Aktiv werde. Als Freund der digitalen Welt, Student der Online Medien und ehemaliger wie zukünftiger Web-Entwickler passiert vieles in meinem Alltag am Rechner. Allerdings greife ich im Rahmen von kreativen Prozessen gerne auf den Stift zurück. Beim Brainstorming zu einer neuen Idee sammel ich die Stichpunkte in einem kleinen Notizheft. Beim Entwickeln von Datenbank-Strukturen, oder der Visualisierung von Zusammenhängen in der Programmierung zücke ich gerne ein Blatt Papier. Auch in einer Besprechung mit (wenigen) Personen finde ich es sehr viel angemessener, den Stift zu verwenden als sich hinter seinem Laptop zu vergraben – hier spielt dann auch nochmal eine soziale Komponente eine Rolle.

Wenn aber nun so viel digital abläuft: geht dadurch nicht auch die Kultur der (Hand-)Schrift verloren? Eigentlich war es früher doch nett einen handgeschriebenen Brief zu erhalten. Da hat sich jemand die Zeit genommen um ein Schriftstück zu verfassen. Eine, vielleicht zwei DIN A4 Seiten lang, womöglich aber auch nur so lang wie eine Postkarte Platz bietet. Vielleicht waren es keine weltbewegenden Zeilen, aber Zeilen die man dem anderen mitteilen wollte. Und ich glaube es waren bewußtere Zeilen. Man konnte nicht innerhalb von 60 Sekunden via SMS oder E-Mail antworten, oder schnell eine vergessene Zeile nachsenden. Auch konnte man nicht den Gedanken eines Geistesblitzes versenden. Wenn ich mir heutzutage die ein oder andere SMS oder diverse Beiträge in sozialen Netzwerken ansehe war das gar nicht soo verkehrt. Aber es nicht so, das ich den guten alten Zeiten nachtrauere – ganz und gar nicht. Ich selbst bin ja aktiver Bestandteil der neuen digitalen Welt, und ich finde gut wie es ist. Aber einige Minuten daran zu verschwenden wie es mal war kann auch nicht Schaden.


Die Idee zu diesem Artikel ist entstanden aus der Themenvorgabe vom WebmasterFriday: Schreibt ihr noch analog – oder tippt ihr nur noch?